13. März 2017

Mensch versus Maschine?

Reflexionen über die Transformation der Arbeit

Freitag, sechs Uhr, im RJ zwischen Wien und München: Mein Smartphone rührt sich. Mit einem leisen Klopfen, das Samsung passend „Heartbeat“ nennt, informiert es mich über die in der letzten Stunde eingegangenen Mails. Ich schenke ihm keinerlei Beachtung. Da ich im RJ (anders als im ICE) zumeist über eine einigermaßen stabile Internetverbindung verfüge, weiß ich längst, dass eine meiner Studentinnen ihre Hausarbeit eingereicht hat und um ein schnelles Feedback bittet, ein Aufruf für eine wichtige Konferenz eingegangen ist, für die ich mich unbedingt bewerben sollte, und die Korrekturen des Aufsatzes, den eine Arbeitskollegin und ich gemeinsam schreiben und am Montag einreichen wollen, ebenfalls angekommen sind. Mein Blick verliert sich für einige müde Sekunden in der dunklen, im Mondlicht glänzend verschneiten Landschaft vor dem Abteilfenster, bevor er zurück zu meinem Notebook wandert, wo ich anhand meines privaten Arbeitsplans (den ich penibel führe und für den sich niemand außer mir auf dieser Welt interessiert) feststelle, dass meine 40 Stunden, für die ich offiziell bezahlt werde, für diese Woche bereits geleistet sind.

„Digitalisierung“, „Industrie 4.0“ und „Automatisierung“ sind die Herausforderungen unserer Arbeitswelt. Für viele jedoch stellen sie nicht nur das dar, sondern die große Sorge der kommenden Jahrzehnte, die wie ein unvermeidbares Gewitter am Horizont heraufzieht und dabei einige von uns bereits mit dem ihm vorauseilenden Schatten berührt. Werden wir unsere Jobs behalten? Werden sie sich verändern? Werden Roboter unseren Platz einnehmen? Werden dadurch einige von uns vielleicht gar ganz unerwartet mehr Freude an der Arbeit haben oder endlich weniger arbeiten können? Wie werden wir dann unsere Freizeit verbringen?

Ich bin Technikphilosophin aus Leidenschaft und nein, ich befürchte nicht, dass bald ein Teach-Bot den Flur des philosophischen Instituts der Universität Wien heruntergerollt kommt und den Platz an meinem Schreibtisch einfordert. Aufgrund einer nur geringen Anzahl repetitiver Tätigkeiten gehört meine Arbeit bis auf Weiteres zu der Minderheit an Jobs, die durch die Automatisierung und Industrie 4.0 vermutlich weniger betroffen sein werden (vgl. die Studien von Frey/Osborne 2013 für die USA sowie von Brzeski/Burk 2015 für Deutschland). Manch eine Leserin oder ein Leser denkt nun vielleicht, dass ich doch wahrlich nicht in der Position bin, mich zu beschweren. Und dennoch sitzen wir als ArbeitnehmerInnen alle im selben Boot, auch wenn die jeweiligen Herausforderungen vielleicht andere sein mögen. Der der Digitalisierungsgewitterwolke vorauseilende Schatten verdunkelt schon längst auch mein Büro: befristete Arbeitsverträge und flexible Arbeitszeiten, die in der Tat dazu führen, dass ich ganz selbstverständlich auch am Wochenende, an Feiertagen und zu in meinem Bereich ungewohnten Tageszeiten arbeite. Die ständige Erreichbarkeit sowie steigender Zeit- und Termindruck transformieren die klassische Trennung von Arbeit und Freizeit in eine „Work-Life-Integration“, wie Oliver Suchy, Leiter des Projekts „Arbeit der Zukunft“ beim DGB-Bundesvorstand, sagt.

Sonntag, sechs Uhr, im ICE zwischen Stuttgart und Salzburg: Ich höre den leisen Herzschlag meines Smartphones. Da es im ICE wie gewohnt kein Internet gibt, greife ich mit der linken Hand automatisch hinüber und streiche über den Bildschirm, mit einem Auge bereits nach den Mails schielend, mit dem anderen noch an dem Text heftend, den ich eilig überfliege (von ernsthaftem Lesen kann keine Rede sein), während ich mit der rechten Hand dort ein paar letzte Zeilen anstreiche. Das war ein kurzes Wochenende, denn der Text mit meiner Kollegin will korrigiert und die Seminare für die kommende Woche müssen vorbereitet werden, wozu ich aufgrund dringender Termine am Montag und Dienstag keine Zeit finden kann. Mein privater Arbeitsplan verzeichnet für diese Woche bereits fast 60 Stunden.

Ich bin Technikphilosophin und vertrete die Überzeugung, dass Technik wesentlich zum menschlichen Dasein gehört – genau in derselben fundamentalen Weise, in der auf organischer Ebene der menschliche Körper und die Bedingtheiten, unter denen die Menschen auf dem Planeten Erde leben (wie Sterblichkeit, Sauerstoff- und Nahrungsbedarf usw.), Teil ihrer Natur sind. Menschen sind durch und durch technische Wesen – eine Vorstellung, der ein weiter Technikbegriff zugrunde liegt. Nicht nur Technologien wie das Smartphone oder das Notebook fallen darunter, sondern auch Techniken wie das Singen, Tanzen, Lehren, Backen, aber auch Essen, Sprechen und Gehen. Vor diesem Hintergrund finden wir Technik in mindestens zwei der drei menschlichen Tätigkeitsbereiche, die die Philosophin Hannah Arendt im vergangenen Jahrhundert unterschieden hat: Arbeiten – alles, was wir für unser Überleben tun, die Produkte des Arbeitens werden konsumiert –, Herstellen – all das, was wir mit einer leitenden Vision planend tun, die Ergebnisse des Herstellens sind nicht zum Verzehr gedacht, und Handeln – das, was Menschen nur gemeinsam sprechend tun, alles, was nicht eigentlich geplant oder produziert werden kann, sondern spontan zwischen Menschen entsteht und in letzter Konsequenz unkontrollierbar ist.

Alle drei Weisen des Tätigseins sind gleichermaßen wichtig und lassen sich nicht aufeinander reduzieren. Arbeiten, Herstellen und Handeln sind Teil des menschlichen Daseins. Umso tragischer sind der Schwund des Handelns und die allgemeine Transformation der Herstellungs- in Arbeitsprozesse, die Arendt in der Vita activa für die Gegenwart konstatiert. Die Menschen – so Arendts kapitalismuskritisch treffende Diagnose – würden nichts mehr im eigentlichen Sinne tun oder herstellen, was in Zeit und Raum Dauerhaftigkeit und die Stabilität der menschlichen Welt garantiere, sondern all ihr Treiben verlöre sich letztlich in endlosen Konsumschleifen. Der ultimative Schritt dieser reinen Arbeitergesellschaft, in der Menschen nicht wirklich mehr miteinander lebten und handelten, sondern nur noch nebeneinanderher, ist die Abgabe der Arbeit an die Maschinen. Was könnte schlimmer sein, fragt Arendt, in einer Welt, in der wir bereits vergessen haben, mit was wir unsere Zeit, in der wir nicht arbeiten, überhaupt verbringen wollen? Was weiß das Animal laborans, zu dem der Mensch der Gegenwart bereits verflacht ist, mit sich anzufangen, wenn man ihm nun auch noch seine Arbeit nimmt?

Montag, sieben Uhr, Universität Wien: Leise klopft mein Smartphone an, während ich die Tür zu meinem Büro aufschließe. Diesmal sind es nicht die allgegenwärtigen Mails meiner fünf Accounts, die den Rhythmus meines Tages bestimmen, sondern eine Arbeitskollegin ruft mit der Frage nach einem Zitat an, über das wir vor Kurzem diskutiert haben und das sie für einen dringend fertigzustellenden Aufsatz benötigt. Mit dem Telefon zwischen Ohr und Schulter streife ich die Jacke ab und lasse sie auf den Schreibtischstuhl fallen, mein Blick fixiert das Bücherregal, in dem ich das Werk vermute und schnell auch gesichtet habe. Ich blättere durch die Seiten, wir tauschen ein paar Worte aus, ich muss über einen Witz lachen, dann ist die fragliche Textstelle gefunden. Nachdem ich aufgelegt habe, verweile ich noch einige Minuten nachdenklich bei den Worten des Philosophen und Journalisten Giulio Giorello, die auf einem Post-it neben meinem Rechner an der Wand kleben: „Yes, we have a soul, but it’s made of lots of tiny robots.“ Ja, Menschen sind durch und durch technische Wesen oder, wie Klaus Erlach es pointiert auf den Punkt bringt, „Techniten“. Ich bin Technikphilosophin, mein Job ist nicht durch einen Teach-Bot bedroht. Ich kann leicht sagen, dass ich Roboter mag. Einige von ihnen beobachten sogar meine Arbeit hier in meinem Büro. Meine freundlichen Spielzeugbegleiter aus Holz, Plastik und Metall blicken aus dem Regal zu mir herüber. Ich blicke zurück. Ich habe ihnen erlaubt, hier zu sein, und es sind ganz harmlose Vertreter ihrer Art. Aber wir haben sie auch in unsere Industriehallen, in die Luft über unseren Köpfen, in unsere Kriegsführung, in unsere Altenpflegeheime geholt. Wollen wir sie da? Wir haben die Algorithmen entwickelt, die jetzt unser globales Finanzsystem maßgeblich regeln, haben soziale virtuelle Welten geschaffen, sind in das Zeitalter der Automation eingetreten. Wissen wir, wie wir dort leben, arbeiten, handeln wollen?

Es war nie der Mensch versus die Maschine, sondern immer der Mensch und die Maschine, der Mensch in der und durch die Maschine und die Maschine im sowie durch den Menschen. Doch das bedeutet mitnichten, dass alle technologischen Entwicklungen per se positiv zu bewerten sind, wohl aber, dass es in unserer – und nur in unserer – menschlichen Hand liegt, zu entscheiden, welche Technik wir in welchen Bereichen und in welchem Ausmaß wollen. Wir können uns weder den Luxus leisten, Technik per se abzulehnen, noch Technologien in einer technikbegeisterten Euphorie unterschiedslos begrüßen. Wir brauchen den Mut, uns mit wachem Geist in die „muddy waters“ des nahezu uferlos erscheinenden Graubereichs zwischen diesen beiden Polen zu werfen und mit kritischem Bewusstsein zu ergründen, wie wir unsere technologischen Errungenschaften einschätzen und bewerten wollen. Fatalistisch die Hände in den Schoß zu legen, mit dem müden Seufzer, dass „die Wirtschaft“ sowieso den Gang der Geschichte bedingt, bedeutet, sich zu einem handlungsunfähigen Kind zu erklären, das den von Menschen gemachten gesellschaftlichen Strukturen wie Naturgesetzen ausgeliefert zu sein vorgibt. In Arendts Verständnis geben wir damit auf, was uns erst zu Menschen macht.

Vermutlich wird uns „die“ Arbeit ganz generell nicht ausgehen, aber das hilft noch nicht so recht weiter, das ist noch viel zu abstrakt. Zu dramatisch begegnen uns dafür bereits jetzt die negativen Konsequenzen der Digitalisierung, Automatisierung und Industrie 4.0. Unsere Jobs werden sich radikal verändern, einige Arbeiten geben wir vielleicht tatsächlich ganz an artifizielle Systeme ab, dafür werden sich an anderer Stelle neue Tätigkeitsbereiche eröffnen. Das Einzige, was bei all diesen Unwägbarkeiten, die im Dunkel der Gewitterwolke noch auf uns warten, jetzt schon offen zutage liegt, ist die Notwendigkeit, uns jetzt auf die kommenden Veränderungen einzustellen, ohne genau sagen zu können, was eigentlich genau auf uns zukommt. Dafür bedarf es einer möglichst gut ausgebildeten Erwerbsbevölkerung, um den Anforderungen der Arbeitswelt von morgen begegnen zu können. Bessere Bildung ist nicht die Antwort auf alles und keine Antwort, die jeder und jedem von uns gleichermaßen jetzt bereits dienlich sein wird. Aber mit besserer Bildung, für die wir uns einsetzen und auf die Straße gehen müssen, fängt vieles an. Wenn wir als Gesellschaft jetzt nicht bereit sind, uns die nötige Transformation des Bildungssystems zu leisten, werden wir nicht gerüstet sein für die Jobs von morgen, von denen wir jetzt noch nicht einmal wissen, welcher Art sie sein werden. Wer hätte sich schon vor 50 Jahren vorstellen können, dass heute fast eine Million Beschäftigte in der IT-Branche arbeiten werden?

Für diese Bildungsreform und -initiative müssen wir uns heute einsetzen. Sicher, einige von uns haben ganz konkret mehr Möglichkeiten, zu handeln, als andere, aber solange wir uns immer noch als generell des Handelns fähige Personen begreifen, die sich in der Lage sehen, zwischen Arbeit und Freizeit zu unterscheiden, darüber zu urteilen, was gute und was schlechte Arbeitsbedingungen sind und wie sie sich ihr Leben vorstellen und wünschen, haben wir nicht das Recht, uns als bloß passive Spielbälle einzelner weniger, die uns unser Schicksal schreiben, zu verstehen und mit dem Verweis auf Systemimperative die Verantwortung für uns und unser Leben einfach abzugeben.

Text: Dr. Janina Loh

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